Die Modellbaukästen des VEB Kunststoffverarbeitung Zschopau

Begonnen von Flugi, 28. Oktober 2022, 11:19:00

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Flugi

Torsten Kiel
Die Modellbaukästen des VEB Kunststoffverarbeitung Zschopau
Ein Nachschlagewerk

Verlag Rockstuhl
ISBN 978-3-95966-665-7
DIN A4, 303 Seiten,173 Farbfotos, 112 s/w Fotos, 830 Abbildungen
Preis 59,95€

Ja, nun ist es da, das Nachschlagewerk, das ja viele erwartet haben, das ja mal kommen musste, nur es muss sich jemand finden, der die Dinge angeht.
Mit dem Autor, Jahrgang 1974, hat sich jemand gefunden, obwohl dieser nicht der Modellbauer der ersten Stunde gewesen ist und erst viele Jahre später mit dem Virus der alten Bausätze aus Zschopau infiziert wurde.

Wer in den Jahren 1950 bis 1990 in der DDR aufgewachsen ist, wird sich daran erinnern und hat hier, genau mit diesen Modellen, seine ersten Erfahrungen mit dem Plastikmodellbau gemacht. Ich selber, bin so zu sagen sozialisiert und aufgewachsen mit dieser Form der Freizeitbeschäftigung. Mein erstes Modell fand ich zur Schuleinführung in der Zuckertüte. Es war eine Il-14.
Viele Details habe ich damals und bis heute nicht gewußt. Aber mit diesem nun  vorliegenden Buch, kann ich jetzt genau bestimmen, welche Bausatzvariante es damals gewesen ist.
Natürlich hatten die Eltern, vor allem die Väter daran einen großen Anteil. Es war selbst für die Väter ein völlig neues Metier, ein Plastikmodell zu bauen. Damals dominierte der Kartonmodellbau und für die damalige Zeit, Ende der 1950er Jahre, war es Basteltechnisches Neuland bei den unterschiedlichsten Altersgruppen und bot völlig neue Möglichkeiten der Freizeitgestaltung.
Genau das Hobby bediente ab 1957 die Kunststoffverarbeitung Zschopau.

Der Autor schreibt selber, das er 16 Jahre in den unterschiedlichsten Archiven und Sammlungen, daran recherchiert hat. Dabei ist zwangsläufig eine Firmengeschichte zusammen getragen worden. Ein Stück Ostdeutscher Industriegeschichte.
Auch ein kleiner Diskurs zum Thema Polystyrol, das Material aus dem die Bausätze hergestellt wurden und heute noch werden, fehlt nicht.

Als ich das Buch zum ersten mal aufgeschlagen habe, war ich überwältigt von der Masse an Abbildungen und Bildern. Also auch ein Bilderbuch, ein wunderbares Bilderbuch für Leute wie mich, der als Kind und Jugendlicher alle Modelle durch gebastelt hat. Viele davon auch doppelt und dreifach. Der Anblick der bunten Verpackungsschachteln fasziniert mich noch heute und ich konnte mich zum Teil genau erinnern, wann, was und wo gebaut wurde. Das lösen Bilder bei uns aus.
Also auch ein Erinnerungsbuch, zur Rückbesinnung an Dinge die Lebenswege in Richtung Luftfahrt entschieden haben.
Erinnerungen an die Zeit, wie alles begann, wo der Modellbau noch nicht mit dieser Ernsthaftigkeit betrieben wurde wie heute.

Die Modelle hatten auch noch eine völlig andere Funktion. Es waren Modelle zum Spielen, mit dreh- und lenkbaren Rädern, wo ,,Langstreckenflüge" vom Kinderzimmer ins Wohnzimmer unternommen wurden. Nicht Maßstabsgerecht, mit Fehlern in der Form und im Detail. Es war in den Jahren auch nicht von Interesse, ob da die Spannweite, oder die Rumpflänge im Maßstab stimmte, ob Fenster oder Türen an der richtigen Stelle zu finden waren. Folglich ist es völlig Sinnfrei, diese alten Modelle auf unseren heutigen Wissensstand zu bringen. Da so ein Ansinnen eh nicht funktioniert, sollte man die Teile so zusammensetzen, wie sie der Bausatz hergibt und sich an ein nostalgisches Modell erfreuen.

Doch zurück zum Inhalt des Buches.
Der Autor behandelt neben anderen Produkten,, wie Tischtennisbälle und Plastikgeschirr für Kinder, alle Modelle in einem Zeitraum von 1957 bis 1970, die bis zur Übernahme der Kunststoffverarbeitung Zschopau durch den VEB Modell-und Plastspielwarenkombinat Annaberg- Buchholz.
Dabei werden 22 Flugzeug-, 5 Hubschrauber-, 2 Weltraum- und 2 Schiffsmodellbaukästen in allen Einzelheiten dargestellt.
Warum dann die restlichen Modelle, die nach 1970 bis 1990 nicht in dem Buch abgehandelt werden, erklärt der Autor in seinem Vorwort. Man kann die Gründe verstehen, aber ich persönlich halte dies für eine vertane Chance, eine Plasticart Komplettgeschichte zu machen.

Die einzelnen Typen werden in der Reihenfolge der Herstellung abgehandelt. Viel Text zum Lesen ist nicht vorhanden. Die Fotos und Abbildungen füllen die Seiten.
Wie ein Pathologe seziert der Autor Bausatz für Bausatz, vom Modell und dessen Inhalt, über den Karton mit den Seitenabbildungen, über die einzelnen Baubeschreibungen, auch in den unterschiedlichsten Sprachen der Exportkunden, bis zu den jeweiligen Beipackzetteln und den Stempelaufdrucken des Herstellers auf der Kartonrückseite.
Da gab es überall kleine und größere Unterscheidungen, die man damals gar nicht zur Kenntnis genommen hat. Der Inhalt war entscheidend.
Das wirkt dann auch etwas ermüdend, hat dann aber letztlich den Vorteil, dass man einen sogenannten Dachbodenfund, zeitlich genau einordnen kann.
Über die spezielle Modellpolitik des Herstellers, wie wurden die Modellprojekte ausgewählt, konnte der Autor keine Details in Erfahrung bringen.

Was ich persönlich vermisst habe, das bei den jeweiligen Modellen nicht auf die Modellqualität eingegangen wurde. Ein, zwei Sätze zu den Abmessungen und Abweichungen zum Original, zum Gesamteindruck des fertigen Modells, hätte den Vergleich, auch für eine spätere Generation, vereinfacht.
Wer die abgebildeten Bauanleitungen noch einmal nachlesen möchte, was durchaus funktioniert, dem empfehle ich unbedingt eine gute Leselupe.

Man muss abschließend schon einschätzen, eine große Fleißarbeit, nicht nur beim Schreiben.
Die Auflage von 200 Exemplaren wird an dem zu erwarteten Käuferklientel festgemacht sein, was natürlich auch den Kaufpreis beeinflusst.
Der Käuferkreis wird sicher sehr speziell sein. Modellfreunde die mit diesen Bausätzen aufgewachsen sind und dem Plastikmodellbau heute immer noch als Hobby betreiben, diesen Modellfreunden kann ich das Buch empfehlen, man wird sich selber wiederfinden.

Bernhard ,,Flugi" Pethe 






Pacific Strafer

"This is your hobby, and don't let anyone else tell you otherwise, as the only person you have to please is yourself!"

www.mbf-siegen.de

http://www.scale-world.de/

Gøran

Dem kann ich mich nur anschließen  :P

Habe mir spontan ein Exemplar bestellt. In meinen Augen ist es alle Ehren wert, solch eine Arbeit zu honorieren.
Das Reh springt hoch, das Reh springt weit, warum auch nicht, es hat ja Zeit.


Gøran

#4
Das ging fix ...  :winken:


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Das Reh springt hoch, das Reh springt weit, warum auch nicht, es hat ja Zeit.

Maxiplus

Wirklich schade, daß die Abhandlung nur bis 1970 geht, ich finde die Firma und deren Modelle wirklich faszinierend und baue sie bis heute, aber mein persönlicher Bezug dazu begann erst ab der zweiten Hälfte der 80er, somit wird die für mich interessanteste Phase gar nicht abgedeckt. Warum denn nicht? Darf man etwa auf einen zweiten Band hoffen?

Gilmore

Aus meiner Sicht nicht "hoffen", sondern befürchten. 60 Öcken für so ein unvollständiges Werk ist für mich schon eine Stange Geld, und dann kommt eines Tages noch so ein Schinken für einen ähnlichen Betrag?
Allerdings verbindet mich als Wessie auch nichts so sehr mit diesem Hersteller, obwohl ich damals einige Modelle von VEB Plasticart gebaut hatte.
Ich bin multitasking-fähig. Ich kann alle anfallenden Arbeiten gleichzeitig liegenlassen.

Der Lingener

Und wo hast Du das Buch geordert Goran?
Ich würd das auch gerne im Bücherregal haben...

Und meinen Riesendank an Bernhard für die gut gemachte und appetitanregende Vorstellung!

Michael
www.kitreviewsonline.de

Modellbau soll Spaß machen, Entspannung bringen und Hobby bleiben!

bughunter

#8
Du bist doch auch im Flugzeugforum, lies mal dieses Posting vom Autor des Buches:
https://www.flugzeugforum.de/threads/veb-plasticart.6642/page-21#post-2973225

Wikipedia sagt: "Ein Modell ist ein vereinfachtes Abbild der Wirklichkeit."
Deshalb baue ich lieber verkleinerte Originale.

Gøran

Das Reh springt hoch, das Reh springt weit, warum auch nicht, es hat ja Zeit.

pucki

Zitat von: Der Lingener am 12. November 2022, 12:51:05
Und wo hast Du das Buch geordert Goran?
Ich würd das auch gerne im Bücherregal haben...

Seh dir auf Foto von der Rückseite des Buches die ISBN-Nr. an.  Gib sie bei Google ein, o. ruf den lokalen Buchhändler deiner Wahl an. Sag ihn die Nr und er sagt die was es kostet und wann du es abholen kannst. Hab ich so bei mein letzten Arduino-Buch gemacht. 

Dann hast du sogar gutes Gewissen weil du den lokalen Einzelhandel unterstützt.  Bücher haben Preisbindung ergo sollten sie überall das gleiche kosten.

Zitat von: Der Lingener am 12. November 2022, 12:51:05
Und meinen Riesendank an Bernhard für die gut gemachte und appetitanregende Vorstellung!

Sehe ich genau so. War ein prima Bericht.

Gruß

   Pucki
Ich bin PucKi, ein älterer Mann und überzeugter Single, der immer noch versucht ein perfektes Modell zu bauen.

bughunter

Pucki und Goran, klickt mal auf meinen geposteten Link oben, dann wisst Ihr, warum man das Buch beim Autor und nicht sonst wo kaufen sollte.
Das der Verlag ihn genötigt hat, bei einer Auflage von 200 Büchern 150 selbst abzunehmen und vorzufinanzieren ist schon eine dreiste Risikoabwälzung auf den Autor.

Wikipedia sagt: "Ein Modell ist ein vereinfachtes Abbild der Wirklichkeit."
Deshalb baue ich lieber verkleinerte Originale.

pucki

Zitat von: bughunter am 13. November 2022, 17:03:38
Pucki und Goran, klickt mal auf meinen geposteten Link oben, dann wisst Ihr, warum man das Buch beim Autor und nicht sonst wo kaufen sollte.
Das der Verlag ihn genötigt hat, bei einer Auflage von 200 Büchern 150 selbst abzunehmen und vorzufinanzieren ist schon eine dreiste Risikoabwälzung auf den Autor.

Und absolut nicht die Regel.

Der Verlag ist total altmodisch.   Moderne Verlage drucken die Bücher bei Bestellung für mich höchstpersönlich.  Das ist kein Witz.

Das hat die Buchhandlung meines Vertrauens so erklärt.  Sie sagte : "Moderne Verlage können die Maschinen so einstellen das sie nur 1 Buch drucken. Das einzige Problem ist, das diese Vorgang 3-4 Wochen dauert, weil kein Zwischenhändler / Verlag die so auf Lager haben. Und das die Bücher teurer sind. Dies würde sich aber ausgleichen da kleine Auflagen eh teuer sind. Man aber so Lagerkosten und Papier sparen würde."

Warum der Autor sich entschlossen hat, PAPIER zu benutzen, ist eh eine andere Frage.  Ich an seiner Stelle würde mir die Rechte am digitalen Medium geben lassen und es dann  über meine Homepage als Epub ö.ä. vertreiben. Viel Günstiger ;)

Ach bei den Arduino-Buch war ein Code drin, wo ich das selbe Buch beim Verlag von der HP kostenlos ziehen konnte. Allerdings ist das wirklich MEINS. Da steht nämlich mein Name drin ;) Einige Verlage denken echt mal weiter.

Gruß

   Pucki
Ich bin PucKi, ein älterer Mann und überzeugter Single, der immer noch versucht ein perfektes Modell zu bauen.

bughunter

Nennt sich Print-on-demand.
Macht Amazon auch z.B. mit der "Aeronaut Books"-Buchreihe. Aber Laserdruck!
Aber ist die Qualität auch vergleichbar mit einem richtigen Buchdruck? Definitiv nicht. Und der passiert auch definitv nicht in Einzelexemplaren. Von daher völlig richtige Entscheidung des Autors :P

Wikipedia sagt: "Ein Modell ist ein vereinfachtes Abbild der Wirklichkeit."
Deshalb baue ich lieber verkleinerte Originale.

Gøran

Zitat von: bughunter am 13. November 2022, 17:03:38
Pucki und Goran, klickt mal auf meinen geposteten Link oben, dann wisst Ihr, warum man das Buch beim Autor und nicht sonst wo kaufen sollte.
Das der Verlag ihn genötigt hat, bei einer Auflage von 200 Büchern 150 selbst abzunehmen und vorzufinanzieren ist schon eine dreiste Risikoabwälzung auf den Autor.
Hätte der geneigte Leser davon gewusst, er hätte es getan. Aber mal Hand auf's Herz, dass ist für die Leserschaft alles recht mühsam im Vorfeld zu recherchieren! Ich formuliere das jetzt mal bewusst sehr vorsichtig, diese Art des Vertriebsweg hinterlässt bei mir einen faden Beigeschmack.

Das Reh springt hoch, das Reh springt weit, warum auch nicht, es hat ja Zeit.